Der Blick in die Geschichte – Die DDR Teil 3: von der Nachwendezeit zur Gegenwart

Veröffentlicht von as am

Wir beginnen den dritten Teil unserer Reihe „Der Blick in die Geschichte – Die DDR“ mit dem Beitrag „Warum die Treuhand das Land spaltet“ von 2020, dessen Thema unmittelbar in der Nachwendezeit angesiedelt ist, um dann einen Blick auf einige Beispiele zu werfen, die danach aktuell wurden und sich mit Entwicklungen befassen, die teilweise bis heute nachwirken.


Warum die Treuhand das Land spaltet (2020)

Screenshot, April 2020

Das datenjournalistische Projekt „Warum die Treuhand das Land spaltet“ analysierte 2020, was aus den ehemals volkseigenen Betrieben wurde, die in der Nachwendezeit in nur vier Jahren von der Treuhandanstalt privatisiert wurden. Unternehmenslisten der Treuhandanstalt wurden digitalisiert und mit Handelsregisterdaten abgeglichen. Entstanden ist damals eine interaktive Karte mit 5.000 Treuhandunternehmen, der man entnehmen konnte, woher die Käufer kamen, wer die Betriebe liquidiert hat und was dies für Folgen hatte. (Aus der damaligen GOA-Nominierten-Seite.)

Realisiert wurde das Projekt vom MDR und der Hoferichter & Jacobs GmbH, nominiert war es in der Kategorie Wissen und Bildung.

Im quergewebt-Interview von 2020 sagte Olaf Jacobs zur Frage nach dem Anstoß für das Projekt:

„Wir hatten das Gefühl, dass es zumindest in den neuen Ländern wenig Themen gibt, über die so viel geredet wird wie über die Treuhand, weil sie letztlich alle Familien, die ostdeutsch sozialisiert sind, irgendwie bewegt hat. In jeder Familie gibt es Geschichten, die irgendwas mit der Treuhand und mit Menschen, die in diesem Zusammenhang ihren Job verloren haben, zu tun haben.“

Erstaunt habe das Team, dass die Treuhand „eigentlich immer mit einem ganz negativen Image verbunden“ worden sei.

„Wir dachten, da müsste man mal gucken, wie weit man das objektivieren kann, wie viele objektive Daten und Fakten kriegt man eigentlich zu diesem großen Mythos Treuhand zusammen. Denn Wissen ist meistens der erste Schritt, um Sachen auch zu verstehen.“

An die notwendigen Unterlagen und Daten zu kommen, erwies sich als langwierig und aufwendig.

„Das Projekt ist so ein Projekt, das – wie das gelegentlich so ist – am Anfang einfach klang und dann im Laufe der Zeit doch immer größer und komplizierter geworden ist. Zunächst sind wir ganz stark auf Widerstände gestoßen. Da war nicht sicher, ob wir überhaupt Akteneinsicht bekommen könnten, weil die unter Verschluss sind. Auf den Dokumenten sind teilweise 30 Jahre Sperrfrist drauf.“

Screenshot, April 2020

Drei Jahre vor der Nominierung habe man dann mit der Aktensichtung und Projektgestaltung beginnen können: „Wir haben 230.000 Seiten Vorstandsprotokolle, 35.000 Seiten Verwaltungsratssitzung, 113.000 Seiten Leitungsausschuss, 9.000 Seiten Monatsberichte und so weiter gescannt. Das heißt, wir hatten am Ende 400.000 Dokumente, die wir zunächst mal digitalisiert haben. Im Anschluss haben wir dafür dann ein Tool geschrieben, um diese gescannten Dokumente maschinenlesbar und -auswertbar zu machen, um daraus wirklich systematisch Erkenntnisse ziehen zu können.“

Entstanden ist damals der Film „Der große Preis“, dessen Schwerpunkt allerdings nicht auf den gewonnenen Daten und Fakten lag. Deshalb habe man entschieden, ein Online-Projekt zu initiieren, das genau diesen Schwerpunkt haben und einen detaillierten Blick auf die Daten richten sollte.

„Es war uns möglich, bei immerhin 5.700 Betrieben von den 7.000 Betrieben bis ins Heute anhand von Handelsregisterdaten, die wir digital akquiriert haben, die Wege nachvollziehen zu können. So lässt sich gut gegenüberstellen, was wirklich Mythos, gefühlte Wahrheit und was auch Realität ist.“

Screenshot, April 2020

Zum Anliegen des Projekts sagte Olaf Jacobs, man habe einen Debattenbeitrag leisten wollen, um eine Haltung zu ermöglichen, aber nicht vorzugeben. Deshalb empfanden die Beteiligten – „gerade bei diesen Zusammenhängen und in diesem Grenzbereich zwischen Wirtschaft, Politik und Geschichte“ – die Arbeit mit Daten und Zahlen als die richtige Herangehensweise, da sie eine „möglichst weitgehende Objektivierung“ zugelassen habe.

„Ich glaube, dass es insgesamt ein Zeichen der Zeit ist, nicht eigene Haltungen, eigene Meinungen zu transportieren, sondern tatsächlich Rezipient*innen, die Mittel und Möglichkeiten in die Hand zu geben, sodass man sich – natürlich stark abhängig von eigenen Lebenserfahrungen – eine eigene Meinung und eine Haltung erarbeiten kann.“

Doch auch darüber hinaus habe das Projekt einen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen leisten sollen, um zu verstehen, wie die Verhältnisse so geworden sind, wie sie heute sind.

„Aus der westdeutschen Perspektive verbindet man mit dem Osten oftmals Gedanken wie, dass der Osten unfassbar viel gekostet hat oder immer noch kostet und dann wählen sie auch noch komische Sachen. Doch so einfach ist es dann am Ende eben nicht.“

Quellen auf einen Blick

Die Nominierten-Seite von „Warum die Treuhand das Land spaltet“ findet sich hier.
Dies ist der Link zum Interview mit Olaf Jacobs.
Und die Website selbst ist hier.


Es war nicht immer der Osten (2017)

Im Jahr 2017 ging die Berliner Morgenpost der Frage nach, wo Deutschland wirklich rechts wählt, um Vorurteilen und dem „Gewirr aus Daten und Vorurteilen, Wahrheiten und Unwahrheiten“ (aus dem damaligen quergewebt-Interview zum Projekt) Fakten entgegenzusetzen – und um einen Blick darauf zu werfen, wie das Wahlverhalten vor 20 Jahren war. Mit „Es war nicht immer der Osten“ ist damals eine interaktive Karte entstanden, auf der die Wahlergebnisse von 1990 bis 2013 aus rund 11.000 Gemeinden dargestellt wurden. Text, Video und ein Faktencheck sind ebenfalls Teil des Angebots, um den Wahrheitsgehalt von Vorurteilen zu prüfen und die Entwicklung von rechten Parteien und Rechtspopulisten seit 1990 zu zeigen.

Screenshot, April 2017

„Und tatsächlich wählte der Osten nach der Wiedervereinigung zunächst kaum rechts: So erzielten alle rechten Parteien zusammen bei den Wahlen von 1990 und 1994 in keiner einzigen Gemeinde Sachsens fünf Prozent.“ Gleichzeitig sahen Verfassungsschützer bereits damals ein großes rechtsextremistisches Potential – was sich mit den Ausbrüchen rassistischer Gewalt etwa in den Ausschreitungen in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) auch manifestierte. „Bei der Bundestagswahl 1998 erzielten die Rechten schließlich in Teilen Ostdeutschlands Ergebnisse weit über ihrem Bundesdurchschnitt. Zugleich trat mit Pro DM die erste rechtspopulistische Partei an.“ (Auszug aus: Es war nicht immer der Osten.)

„Es war nicht immer der Osten“ war 2017 für einen Grimme Online Award in der Kategorie Information nominiert. Im quergewebt-Interview sprach der Redakteur André Pätzold damals über die Entstehungsgeschichte und die Ziele des Projekts.

Am Anfang standen auf der einen Seite der Einkauf von CDs mit Daten zu allen Bundestagswahlen seit den achtziger Jahren, auf der anderen Seite der Wunsch,

„aufgrund der Geschehnisse der letzten Jahre, insbesondere 2015 und 2016, mit der Entwicklung der AfD in Deutschland, den Veränderungen in Europa und der Wahl von Trump, …, das Phänomen Rechtspopulismus in Deutschland datenjournalistisch [zu] untersuchen“.

Der Fokus hierbei war: „Sind es wirklich die Orte, die in den Schlagzeilen sind oder waren, in denen schon immer rechts gewählt wurde? Und stimmen geläufige Aussagen und lassen sich diese statistisch belegen?“

Mit der Entwicklung der interaktiven Karte zu den Wahlen sollte Interessierten die Möglichkeit einer detaillierten Suche gegeben werden.

„Man kennt das ja selber: Wenn man eine allgemeine Deutschlandkarte sieht, sucht man seine Heimatgemeinde und möchte neben den allgemeinen Spitzen wissen, was in seiner Umgebung los ist. Daher versuchen wir in unserer Anwendung den Link zur eigenen Umgebung zu schaffen. Und die Interaktivität der Karte, dass man reinzoomen kann und konkrete Wahlergebnisse bekommt, führt dazu, dass der Nutzer selber Auffälligkeiten entdecken kann.“

Screenshot, April 2017

In der Umsetzung der datenjournalistischen Aufbereitung ergaben sich durchaus Schwierigkeiten – etwa durch Gemeinde- oder Kreisreformen, oder als die Beteiligten feststellten, dass kleinere Gemeinden Briefwahlen nicht selbst, sondern von der Nachbargemeinde durchführen ließen.

„Dies hätte es für uns sehr schwierig gemacht, die Briefwähler zuzuordnen, weshalb wir lediglich die Ergebnisse der Wahllokale darstellen. Mit dem Endergebnis sind wir trotzdem zufrieden, da auch ohne die Briefwähler ein unverzerrter Überblick vermittelt wird. Bei unserem Fakten-Check haben wir dann gesagt, das geht nicht ohne Briefwähler, daher basiert dieser auf der Ebene der Landkreise und berücksichtigt alle Wähler.“

Die größten Überraschungen für das Team selbst, sagte André Pätzold, hätten sich aus der historischen Betrachtung ergeben.

„Zum Beispiel hatten wir gar nicht mehr präsent, dass noch Anfang der 90er-Jahre im Osten kaum rechte Parteien gewählt wurden. Bis 1994 konnten die rechten Parteien besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz punkten. Aber in Sachsen und den Regionen, die heute in den Schlagzeilen sind, waren sie gar nicht wirklich präsent. Es war zwar nicht so, dass es in den 90ern im Osten keine rechtsextreme Tendenz gab – eher im Gegenteil, da gab es wirklich eine subkulturelle rechte Szene, die besonders gewaltbereit war, nur hat sich das in den Wahlergebnissen noch nicht widergespiegelt.“

Im weiteren Verlauf habe man gesehen, dass „das Verhalten, rechts zu wählen, von Süddeutschland immer mehr in den Osten gewandert ist und mit der AfD jetzt wieder fast ganz Deutschland erfasst wird“.

Screenshot, April 2017

Übrigens:
Besonders lesenswert ist auch der Teil des Projekts, in dem fünf Thesen aufgestellt und auf ihr Zutreffen geprüft werden. Zum Beispiel diese: „Wo nun Flüchtlinge angegriffen werden, wird seit Jahren rechts gewählt.“ Die Einordnung als wahr oder falsch sowie die Erläuterung gibt es hier.

Quellen auf einen Blick

Die GOA-Nominierten-Seite von „Es war nicht immer der Osten“.
Das Interview mit André Pätzold bei quergewebt.
Es war nicht immer der Osten“ bei der Berliner Morgenpost.
André Pätzold im GOA-Video-Interview (YouTube).


Gegen uns (2021)

Um rechte Gewalt in Deutschland nach 1990, „eine Zeit, geprägt von Angriffen und Terrorakten, die noch viel zu selten thematisiert wird“, geht es in der Webdokumentation ”Gegen uns.“, in der Lebensgeschichten von Menschen erzählt werden, die im Osten Deutschlands aus rassistischen, antisemitischen und anderen rechten Motiven angegriffen wurden.

Screenshot, April 2021

Zum Zeitpunkt der Nominierung (und späteren Auszeichnung) des Projekts waren vier Episoden online; eine weitere ist mittlerweile hinzugekommen, wiederum eine weitere befindet sich in Arbeit. Die Perspektiven der Betroffenen finden in Texten, Bildern und Filmen ihren Ausdruck – genauso wie die Folgen, die die gegen sie gerichtete Gewalt für ihr Leben hatte. Durch die Einordnung der Gewalttaten wird außerdem nochmals verdeutlicht, welche Auswirkungen Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt auf die Gesellschaft haben. Im quergewebt-Interview hieß es damals: „Das Projekt dokumentiert mithilfe von multimedialen Berichten der Angegriffenen die Kontinuität rechter Gewalt und befasst sich mit den gesellschaftlichen Folgen – aber auch mit Fragen von Solidarität und Gegenwehr.“

Anbieter sind der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. und die Opferberatung „Support“ des RAA Sachsen e.V.
„Gegen uns.“ erhielt im Jahr 2021 einen Grimme Online Award in der Kategorie Information.
In der damaligen Jurybegründung hieß es:

„Die besondere Stärke von ‚Gegen uns.‘ ist die Verbindung verschiedener Erzählebenen und Darstellungsformen. Das abwechslungsreiche Wechselspiel von kurz und lang, von Text, Foto und Video zieht einen schnell und tief hinein in die Geschichten, die das Bild einer gefährlichen, aber auch gefährdeten Gesellschaft zeichnen. Seine besondere Wirkung erzielt ‚Gegen uns.‘ durch das stringente Konzept und den klaren Aufbau. Die einzelnen Taten sowie ihre Vor- und Nachgeschichten verbinden sich so beim Anschauen der einzelnen Episoden immer mehr zu dem, was sie sind: ein Angriff auf das Gemeinwesen. ‚Gegen uns.‘ trifft mitten ins Herz.“

Im quergewebt-Interview von 2021 sprachen die Projektleiterin Julia Oelkers und Katharina Wüstefeld von der RAA Sachsen e. V. über die Umsetzung und die Ziele von „Gegen uns.“

„Der Anlass war der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung, denn die Geschichte der Jahre nach der Wende und der Wiedervereinigung ist unvollständig. Es fehlt die Perspektive der von Rassismus und Antisemitismus Betroffenen und der Angegriffenen von rechter Gewalt. Diese Perspektive steht im Mittelpunkt von ‚Gegen uns‘. Es ist die Perspektive derer, die ausgeharrt und mit dem Rücken zur Wand Menschenrechte und Demokratie – und oft ihr nacktes Leben – verteidigt haben. ‚Gegen uns‘ erzählt von Kontinuitäten rechter und rassistischer Gewalt, aber auch von Solidarität in den drei Jahrzehnten seit 1990.“

(Julia Oelkers)

Und Katharina Wüstefeld schilderte den Wunsch, die „mittlerweile schon gebrochene Erzählung von einer ‚friedlichen Revolution’ zu durchbrechen“.

Katharina Wüstefeld im Interview

„Wir wollen zeigen, dass dies für große Teile der Bevölkerung mitnichten eine friedliche Revolution gewesen ist. Uns geht es um die vielen Menschen, die mit dem Einsetzen der Wende oder mit dem Zusammenbruch der DDR schlagartig entfesselter rechter Gewalt ausgesetzt waren, die Kinder, Eltern und Freund*innen verloren haben.“

(Katharina Wüstefeld)

Umgesetzt wurde das Vorhaben als Webdokumentation mit Videos und Interviews mit den Betroffenen, mit Fotos, Texten, Broschüren, Zeitungsartikeln, Schlagzeilen oder Gerichtsakten.

„Mit diesen multimedialen Elementen betrachten wir immer einen längeren Zeitraum. Es geht nicht nur um den unmittelbaren Zeitpunkt der Tat, sondern, wie zum Beispiel bei der Episode zum Mord an Jorge Gomondai 1991 in Dresden, um eine spezifische Phase. Wir gehen spezifischen Fragen nach: Wie ging es nach dem Mord weiter? Wie hat sich das Erinnern an Jorge Gomondai, an Marwa El-Sherbini gestaltet? Wie geht die Stadt mit rassistischem Terror um? Welchen Einfluss hatten diese Gewalttaten auf die Gesellschaft? Das ist für mich eine Webdokumentation.“

(Julia Oelkers)

Gleichzeitig sei, so sagte Katharina Wüstefeld, “Gegen uns.” aber kein Archiv oder eine Website mit Informationen zum Thema. Die verschiedenen Episoden hätten „ihre eigene Dramaturgie und sind eine Erzählung – aus der Perspektive der Angegriffenen“.

Zur Namensgebung des Projekts sagten Julia Oelkers und Katharina Wüstefeld, dass es von Anfang nicht nur darum gegangen sei, die unmittelbar angegriffenen Menschen zu befragen, sondern dass es auch um das Umfeld gegangen sei, um Freunde, Familie und solidarische Dritte.

Screenshot, April 2021

„Nach den rassistischen Morden in Dresden an Jorge Gomondai und Marwa El-Sherbini gab es viele Demonstrationen oder Aktionen zum Gedenken. Da kamen Menschen, die die angegriffenen Personen nicht persönlich kannten, aber sich in der Situation positionierten und solidarisierten, sodass das natürlich auch ihr Leben beeinflusste. Niemand kann sagen, Rassismus, Antisemitismus, rechte Gewalt betreffe einen nicht, es ginge hier nicht um einen selbst, sondern um jemand anderen. Es geht immer um alle, die eine andere Gesellschaft, ein solidarisches Zusammenleben in einer demokratischen, antirassistischen und freien Gesellschaft wollen. Gegen die alle richtet sich der Angriff. Und deshalb gegen uns.“

(Julia Oelkers)

„Diese Angriffe führen prinzipiell dazu, dass unsere Gesellschaft in Frage gestellt wird, dass unsere Gesellschaft an Menschlichkeit einbüßt. Wenn ich nicht zur potenziell betroffenen Gruppe zähle, werden trotzdem meine Vorstellungen einer solidarischen Gesellschaft, meine humanistischen Werte angegriffen. Mit diesem Titel sind alle, die diese Werte teilen, eingeladen, sich zu diesem ‚Uns‘ zu zählen.“

(Katharina Wüstefeld)
Screenshot, April 2021

Befragt danach, warum sich „Gegen uns.“ auf ostdeutsche Vorfälle konzentriert habe, kündigte Julia Oelkers an, dass die nächste Episode in Nürnberg angesiedelt sei (sie ist mittlerweile online), dass es aber einfach einen Schwerpunkt rassistisch motivierter Gewalttaten in der Nachwendezeit im Osten gegeben habe. Auch rechtsterroristische Attentate in Westdeutschland müssten noch einmal anders betrachtet werden, es gebe bereits einige gute Formate hierzu.

„Aber gerade im Fall von Jorge Gomondai beschreiben wir auch, dass es sehr viele Neonazis und rechte Organisationen und Strukturen aus dem Westen gab, die nach 1989 gezielt in den Osten gegangen sind und sich dort aufgebaut haben. Rechte Gewalt ist nicht nur ein ostdeutsches Phänomen, ganz bestimmt nicht. Das zeigen die Brandanschläge in Mölln und Solingen, das zeigt die NSU-Mordserie, und auch das Attentat in Hanau.“

(Julia Oelkers)
Julia Oelkers im Interview

Im Interview schilderten die beiden Macherinnen ausführlich, dass sie sich für die unterschiedlichen Episoden jeweils für Fälle entschieden haben, die unterschiedliche Motive rechter Gewalt zeigen: ein rassistisch motivierter Mord direkt nach der Wiedervereinigung; ein Mord mit einem antimuslimischen Hintergrund; eine Geschichte von Kontinuität rassistischer Gewalt über mehrere Generationen; Gewalt Anfang der 1990er gegen alternative Jugendliche. (Für eine ausführlichere Schilderung empfehlen wir, sich das Interview in Gänze anzusehen.)

„‘Gegen uns.‘ ist ein journalistisches Format, das für sämtliche Zielgruppen gedacht ist, die am Thema interessiert sind. Als Bundesverband und als Beratungsstelle für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt geht es natürlich auch darum zu zeigen, welche Facetten rechte Gewalt hat, welche Motive dahinterliegen und welche riesengroßen individuellen, aber auch gesellschaftlichen Auswirkungen solche Taten haben.“

(Katharina Wüstefeld)

Die Reaktionen auf „Gegen uns.“ waren, so die Erinnerungen der Beteiligten, ausschließlich positiv. Das Angebot habe eine große Wirkung entfaltet und werde viel genutzt. Radiosendungen, Texte oder Veranstaltungsformate hätten bereits einige der Episoden aufgegriffen.

Quellen auf einen Blick:

Die Begründung der GOA-Jury.
Das Interview mit Julia Oelkers und Katharina Wüstefeld.
Und „Gegen uns.“.


Baseballschlägerjahre (2021)

Im Oktober 2019 las der ZEIT-Autor Christian Bangel im „Freitag“ einen Artikel des 1988 in Ostdeutschland geborenen Rappers Testo (=Hendrik Bolz), der über seine Jugend in Stralsund berichtete – darüber, wie das Leben dort eben auch von Bomberjacken und Baseballschlägern geprägt war. Christian Bangel erkannte Teile wiederum seiner Jugend in Frankfurt (Oder) im Beschriebenen wieder und rief mit dem Hashtag #Baseballschlägerjahre dazu auf, Erinnerungen an die rechte Gewalt der Nachwendejahre im Osten Deutschlands zu teilen. „Zu lange war über diese Zeit geschwiegen worden, in der Bomberjacken, Springerstiefel und Hitlergruß zum alltäglichen Bild gehörten und Andersdenkende oder anders Aussehende zu Opfern des Hasses wurden.“ (Aus der GOA-Nominierten-Seite zum Projekt.) Die Resonanz auf den Tweet war groß, hunderte Menschen hatten zum Zeitpunkt der GOA-Nominierung unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre ihre Erfahrungen mit rechter Gewalt in den Wendejahren in Deutschland geteilt. Die inhaltliche Vielfalt war beeindruckend – und als Resultat entstand eine Website mit sechs Filmbeiträgen:

Screenshot, April 2021
  • „Meine Baseballschlägerjahre“ (Spurensuche von Christian Bangel in Frankfurt (Oder)
  • „Himmelfahrtskommando“ (die rechte Szeme in Magdeburg in den Neunzigern)
  • „Amadeu Antonio“ (über den Mord an Amadeu Antonio Kiowa 1990 in Eberswalde)
  • „Nazis im Visier“ (über die brandenburgische Polizei-Sondereinheit „Mega“)
  • „Die Häutung“ (über einen thüringischen Aussteiger aus der militanten Neonazi-Szene)
  • „Ich bleibe“ (über einen ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam, der sich gegen Naziverfolgung gewehrt hat und schließlich in Rostock geblieben ist)

Alle Filme sind über die ZEIT-Seite zu „Baseballschlägerjahre“ zu erreichen.

Initiiert wurde das in der Kategorie Spezial nominierte Projekt von Christian Bangel. Realisiert wurden Website und Dokumentation in Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und ZEIT ONLINE unter Mitwirkung der Berlin Producers.

Im quergewebt-Interview von 2021 sprach Christian Bangel seine Jugenderfahrungen in den „Baseballschlägerjahren“, über rechte Gefahren und über seinen Eindruck, dass die gesellschaftliche Mittelschicht sorglos mit dem Aufstieg der neuen Rechten umgeht.

Er beschrieb, wie er vor einigen Jahren ein Buch über Frankfurt (Oder) in den Neunzigern geschrieben und vorübergehend überlegt habe, dies „Baseballschlägerjahre“ zu nennen. Erst als er den (eingangs erwähnten) Artikel von Hendrik Bolz gelesen habe, sei der Gedanke daran zurückgekommen.

„Das war so drastisch, was der da über seine Jugend in Stralsund schrieb, so eingängig, so klar. Dass die Faschos an der Supermarktkasse saßen und der große Bruder vom besten Freund waren und dieses super Präsente im öffentlichen und privaten Raum … Das war das, was diese Jahre so ausmachte und da fiel mir dieser Begriff ein. … Dieser Begriff ist offensichtlich so sprechend, dass er sich verselbstständigt hat. Das ist für mich eine große Ehre.“

Screenshot, April 2021

Übrigens:
Auch aktuell werden noch neue Tweets zum #baseballschlägerjahre veröffentlicht.

Er habe nicht damit gerechnet, dass dieses Hashtag eine solche Resonanz erlebt. Damals hatte er gerade einmal um die 2.000 Follower.

„Es gibt noch unerforschte Räume und Gesetze von Social Media. Dazu gehört, warum manche Sachen fliegen und manche nicht. Hier kann ich es mir inhaltlich ganz gut erklären, aber es ist natürlich auch eine gehörige Portion Glück dabei. Ich glaube, es gibt viele Initiativen und Hashtags, die haben dieses Glück nicht und die versanden unglücklicherweise.“

Dass so viele Menschen #baseballschlägerjahre als Sprachrohr genutzt haben, erklärte er sich damit, dass der Begriff „so bildlich [sei], dass er sofort schmerzhafte Assoziationen auslöst und genau darum geht es:

Den Schmerz dieser Zeit zu übermitteln; den Schmerz der Schläge und den Schmerz der Angst, die es damals gab“.

„Man muss sich das wirklich vor Augen führen: Eine hilflose, eine wehrlose und eine ideenlose Polizei, zum Teil auch eine Polizei, bei der es nicht nur Faulheit oder nicht nur Unfähigkeit, sondern auch Feigheit war. Eine entfesselte Jugendbewegung, die weit in den Mainstream reinreichte, mit unfassbarer Brutalität und auch der Bereitschaft zu töten. Wer jemanden mit Eisenstangen oder Baseballschlägern auf den Kopf geht, der möchte töten oder der nimmt es in Kauf zu töten. Es reichte damals, lange Haare zu haben, damit einfach zehn Leute auf der Straße auf einen losrannten, mit dem Ziel, einen windelweich zu prügeln. Sowas hinterlässt Traumata.“

Dass der Begriff als Sprachrohr diente, hänge mit den Erfahrungen zusammen, die Menschen gemacht haben: „Das ist eine üble Welt, die für zehn, zwanzig Jahre Lebenswelt von vielen war, besonders im Osten, aber nicht nur da.“

Für die erste Folge der Videoserie “Die Baseballschlägerjahre” besuchte Christian Bangel seine Heimatstadt. Er war seit seiner Jugend mehrmals in Frankfurt (Oder), beschrieb diesen konkreten Anlass aber als „Flashback“.

„Etwas Anderes war die Recherche an dem Film, also an meinem Teil des Films, weil ich ein paar Monate vorher so richtig in das Archivmaterial aus den 90ern und den 2000ern reingegangen bin und da medial aufbereitete Berichte über damals aktive Neonazis nachverfolgt habe. Auch über die Szene, über Gegenkulturen. Das war noch mal ein Flashback und ging sehr tief. Unter anderem habe ich im Zuge der Recherchen herausgefunden, dass eine der Kameradschaften, die in den frühen 2000ern in Frankfurt (Oder) aktiv waren, keine fünfzig Meter von meiner Wohnung, in der ich aufgewachsen war, lebte. Da gab es so eine Nazi-WG. Die war in Sichtweite meines Kinderzimmerfensters. Das ist mir erst klar geworden, dass es noch viel näher war, als ich dachte.“

Screenshot, April 2021

Noch einmal klar sei ihm auch die – wie er es formuliert – Konstruktion der Nachwendezeit im Osten insgesamt geworden, die aus „zerrütteten sozialen Strukturen, ökonomischem Niedergang, Weggang und Verlust von Autoritäten und einem aufstrebenden Neonazi-Milieu“ bestanden habe.

„Das ist einfach so bitter, dass man sich danach natürlich schon noch mal fragt: Was hat das eigentlich mit mir gemacht? Was ist davon übriggeblieben? Ich merke bis heute, dass da Formen von Angst in mir sitzen und Furcht vor Gewalt, die mich prägt. Ich glaube, das ist bei jedem so, der das damals miterlebt hat. Was ich wirklich unterstreichen muss und nicht zu selten betonen will: Natürlich waren wir weiße, linke – oder: nicht rechte – Kids weniger betroffen als BIPoC-Menschen und auch Obdachlose. Wir hatten einfach unsere Fluchträume, wir hatten Safe Spaces. Wir hatten einen anderen Status, wenn wir uns mal an die Polizei oder an die Lehrer oder an die Eltern oder an sonst wen gewandt haben. Das ging einfach noch viel schlimmer als bei uns. Deswegen ist es so gut, dass Menschen wie Katharina Warda, die eine ostdeutsche und eine schwarze Person ist, sich jetzt melden und auch diese Perspektive einbringen.“

Im quergewebt-Interview ging es auch darum, dass viele rechtsextreme, gewaltbereite Jugendliche in Bomberjacken und Springerstiefeln, die früher auf den Straßen anzutreffen waren, zwar diese Erkennungszeichen nicht mehr offen tragen, aber nicht notwendigerweise ihre Ideologie abgelegt hätten. Wenn einige von ihnen „heute unter anderem in der Politik, in öffentlichen Ämtern oder sogar bei der Polizei tätig“ seien – welche Gefahren berge das?

Christian Bangel erläuterte, wie er die Entwicklung bis heute sieht: Es begann damit, dass viele westdeutsche Neonazis in den Osten kamen und dort bestehende ostdeutsche Neonazi-Strukturen förderten, was dazu beigetragen habe, dass auch „Ost-Nazis“ groß geworden seien. Hinzu gekommen sei der „Zuzug einer ganzen Reihe westdeutscher Rechtskonservativer. Von der Beamtenebene über die Ministerialbürokratie, in den Polizeien, in den Gerichten, aber eben auch auf Privatunternehmer-Ebene“. Manches sei damals zusammengekommen, was bis heute wirke.

„Ich habe mit jemandem gesprochen, der in Sachsen-Anhalt die Szene beobachtet und der berichtete von einer Demo in Köthen 2018, nachdem dort angeblich ein Geflüchteter kriminell geworden sei. Dort stand dann gleich eine Riesen-Neonazi-Demo an. Der hat die beobachtet und meinte, das war wie ein Klassentreffen der 90er-Jahre. Keiner von der damaligen Zeit war da nicht dabei. Die Leute sind jetzt 40, 50, manche 60 Jahre. Es ist Zeit vergangen, aber bei dieser Demo, sagte er, waren alle dabei. Was noch dazu kommt ist, dass die zum Teil ihre Kinder mitbringen.“

Übrigens:
Christian Bangel schilderte im Interview seine Sicht der Baseballschlägerjahre und ihrer Nachwirkungen in die heutige Zeit hinein wesentlich ausführlicher (und spannender), als wir an dieser Stelle zusammenfassen können. Deshalb unsere herzliche Einladung, das Interview in Gänze zu lesen.

Screenshot, April 2021

Er sprach auch davon, dass „die Neue Rechte, die Querdenker, die Rechtsextremen, die Neonazis Deutschlands“ versuchten, verstärkt im Osten Immobilien zu kaufen, „weil sie spüren, dass im Osten ihre Chancen am größten sind und weil sie dort auch auf eine teilweise 20, 30 Jahre lange Basisarbeit zurückgreifen können, die Neonazis dort gemacht haben und die, das muss man sagen, von konservativen politischen Kräften auch immer wieder aufs Neue ignoriert wurde“. Er betonte die Notwendigkeit, diesem „Vormarsch Einhalt zu gebieten, und zwar auch insbesondere auf der Seite der Konservativen“.

„Nach meiner Beobachtung gibt es in Teilen der Gesellschaft, und insbesondere im konservativen Lager, aber auch insgesamt im Bereich der deutschen Mittelschicht, eine große Sorglosigkeit, was den Aufstieg der neuen Rechten angeht, oder was diese neurechten Welt- und Gesellschaftskonzepte angeht. Das beginnt damit, dass man lange Zeit glaubte: ‚Das sind ja nur die Bomberjackenheinis und die sieht man ja nicht mehr auf der Straße, also gibt es das Problem nicht.‘”

Er redete über rechte Entwicklungen in anderen Ländern (USA unter Trump, Ungarn und Orbán) und warnte:

„… nichts schützt uns Deutsche davor, dass wir nicht auch irgendwann autoritär regiert werden. Dass die gesellschaftlichen Mehrheiten sich so verändern, dass die ihre 40 Prozent haben, die sie brauchen. Faschisten brauchen selten Mehrheiten, die brauchen bloß relative Mehrheiten.“

Im Osten bestehe ein Raum, in dem Neonazis uneingeschränkt agieren könnten. Es geschehe immer häufiger, dass bei Querdenker-Demos Polizisten niedergeknüppelt werden, dass Festnahmen unmöglich gemacht würden, dass die Polizei sich richtig zurückziehen müsse, dass sie überrannt werde. Einige dieser Entwicklungen würden nicht ernst genug genommen.

„Wenn ich dieses Land so ernst nehme, wie ich es als Schüler in den 90ern in Politischer Bildung immer gehört habe, nämlich: ‚Hier ist eine Demokratie. In der gilt das Grundgesetz, in der gilt Minderheitenschutz und wir sind sicher, dass sowas wie 1933-1945 nicht mehr passieren wird‘, dann bestehe ich darauf, dass die gesellschaftlichen Eliten ihre Verantwortung ernst nehmen und sehen, dass es eine faschistische Bewegung gibt, auch in Deutschland, und dass der Einhalt geboten werden muss.“

Quellen auf einen Blick

Die GOA-Nominierten-Seite.
Das quergewebt-Interview mit Christian Bangel.
Christian Bangel in Zeit Online zur Entstehung, hier auf Deutsch (Bezahlschranke), hier auf Englisch (frei lesbar).
Und das Projekt „#Baseballschlägerjahre“ selbst.